Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Daniel Pranczke

Veröffentlicht am 23. September 2024

Recruiter, Psychologe, Tonalitätsakrobat, Kunst-, Musik- und Fotoenthusiast, Typ

Seine LinkedIn Posts erreichen mehrere tausend Menschen, in Einzelfällen sogar sechsstellig. Dabei ist er alles andere als Mainstream: Daniel Pranczke, studierter Psychologe und Recruiter, fasziniert mit seiner Mischung aus polarisierenden Texten/Bildern und Botschaften. Mal mit Selfie, dann wieder mit Chucky, der Mörderpuppe. Es gibt keine Schublade, in die er passt, nicht mal die der Polarisierung. Denn er sagt selbst: Ich polarisiere, ohne zu polarisieren.

Klar, den musste ich zum Gespräch über Haltungsfragen bitten. Also ab nach Düsseldorf mit einigen Fragen im Gepäck. Ein Plan, an den wir uns direkt zu Beginn schon nicht mehr gehalten haben. Wunderbar.

Daniel, du rekrutierst hauptberuflich Ingenieure in einem sehr großen deutschen Konzern, bewegst dich also in großangelegten Strukturen und Prozessen. Persönlich nehme ich dich als jemanden wahr, der seine Ecken und Kanten auslebt. Erkläre mir bitte in drei Sätzen, wie es dazu kommen konnte, dass du im Konzern landest.

Die Frage ist berechtigt und viele Menschen stellen sie mir auch immer wieder, obwohl ich schon fast sechs Jahre im Konzern bin. Mich eingeschlossen. Manchmal denke ich, es passt, und manchmal denke ich, es passt nicht. Die Frage ist also noch nicht komplett gelöst, aber: Ich mag Challenges. Und ich habe es als Challenge gesehen, als Null-Konzerntyp in so einem Konzern vier, fünf Jahre zu überleben. Das habe ich geschafft.

Und du hast dabei noch ein Lächeln auf dem Gesicht, also scheint es so schlimm nicht zu sein.

Ich glaube, dass ich in anderen Konzernen viel mehr Schwierigkeiten hätte und es nicht funktionieren würde. Ein amerikanischer Konzern beispielsweise wäre für mich der Tod. Ich bin aber in einem Unternehmen gelandet, das Bodenständigkeit mit einer guten Kultur und Ehrgeiz verbindet. Es ist kein Beamtenladen, es ist ein Laden mit coolen Leuten und einem hohen Selbstanspruch.

LinkedIn ist für mich übrigens der Versuch, innerhalb des Konzerns meine Grenzen auszuloten, denn wenngleich es mein persönlicher Account ist, steht immer auch irgendwo das Logo. Das heißt für mich, mich nicht einfach „nur“ in meinen Job als Recruiter einzufügen und meine Spinnereien woanders auszuleben, sondern, wie es der potenzielle Vizepräsident von Kamala Harris beschrieb: Kompromisse zu finden, ohne mich selbst zu verleugnen. Genau das ist meine Challenge. Ich habe mich oft angepasst im Job. Aber nur Arsch zu sein, nur rebellisch zu sein oder nur angepasst zu sein, ist einfach. Die Herausforderung besteht darin, in so einem System zu funktionieren, ohne den Kern meiner Identität, also das, was ich bin und was mir wichtig ist, aufzugeben. Und das sind: Freiheit, Autonomie, Individualität und Mut.

Du hast wie viele Follower auf LinkedIn?

Vor kurzem habe ich 5.000 gefeiert. Eigentlich wollte ich reduzieren, das ist mir aber offensichtlich nicht gelungen. (Lacht) Jetzt bin ich bei 5.300, alle organisch. Ich selbst verschicke im Jahr vielleicht 20 bis 30 Kontaktanfragen.

Man könnte vermutlich sagen, du bist jemand, der auf die ganzen Regeln der B2B- und LinkedIn- Gurus scheißt. Du postest, wie du es für richtig hältst, und nicht unbedingt nach den Regeln, die der Algorithmus dir vorgibt?

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerJein, auch dafür suche ich die Mitte. Es gibt ja diesen Spruch von Konrad Adenauer: Entweder man kennt mich, oder man kann mich. Früher hätte ich am liebsten genau danach gelebt, bis ich kapiert habe: Das kannst du machen. Aber es ist dumm. Viel schlauer ist es, das Spiel mitzuspielen und trotzdem du selbst zu sein. Heute sage ich: Ich bin der graue Typ, der Typ der Mitte, der Typ des Konsenses. Das Leben ist eine einzige Ambivalenz und das ist für viele unbefriedigend, weil es nicht den einen Weg gibt. Manchmal fragt man sich z.B., war ich jetzt zu brav, oder kann ich doch noch ein bisschen mutiger sein? Dann kommt einer und findet es geil, was du machst, der andere findet es nicht so geil und das verunsichert. Sich davon freizumachen ist die Haltung, die ich versuche zu leben. Und das hat sich im Laufe meines Lebens, auch durch persönliche Erlebnisse, gefestigt. Ich glaube, dass wir nicht so mutig leben, wie wir eigentlich könnten. Dass meistens viel mehr geht, ohne dass wir etwas kaputt machen, und dass wir dadurch sogar gewinnen. Diese Haltung befreit.

Auf LinkedIn-Regeln bezogen: Ich habe am Anfang einfach frei rumgespielt. Mit Zeiten, Themen etc. Wenn ich aber mühsam an einem Post gearbeitet habe, werde ich ihn nicht um Mitternacht posten, das wäre Schwachsinn. Gleichzeitig möchte ich mir die Distanz bewahren, am Ende des Tages auf diesen Scheiß verzichten zu können. Wenn ich aufstehe, ist mir LinkedIn nicht egal, aber am Ende des Tages ist es mir scheißegal. Denn was ist mir wichtig? Die wirklich nahen Menschen, die mich lieben, meine Frau, meine Tochter etc.; dass ich n Dach überm Kopf habe; was zu essen, zu trinken und natürlich Musik. Es befreit also, bei LinkedIn „nichts zu müssen“, sondern zu spielen, sich kreativ auszuleben und meinen Impulsen zu folgen. Deswegen habe ich auch so eine thematische Vielfalt. Mal habe ich Bock auf Politik, mal auf Quatsch, mal auf Psychologie. Und immer habe ich dabei Bock auf Menschen.

Würdest du sagen: Haltung schafft Freiheit?

Im Grunde ja. Natürlich kommt es auf die jeweilige Haltung an. Ich habe mein Leben schon gelebt, die eine Hälfte war scheiße, die andere Hälfte war gut. Und zwar so gut, dass ich eigentlich alles mitgenommen und erlebt habe, was ich mir in der ersten Hälfte gewünscht hatte. Das, was jetzt kommt, ist also ein Bonus. Und das gibt mir so eine gewisse Scheißegal-Haltung. Scheißegal, was die Leute denken. Ja, ich möchte mich ins soziale Gefüge integrieren, aber nicht aller Welt Liebling sein. Ich möchte bewusst akzeptieren, dass es Personen gibt, die meine Posts scheiße finden. Oder zumindest irritierend. Warum kommt da wieder die Chucky Puppe?, fragen die sich, lesen aber dann nicht die Inhalte zum Bild und so weiter. Scheißegal bedeutet also auch, zu hinterfragen, ob ich mir zu viele Gedanken darüber mache, was andere denken. Ich will die erreichen, die so drauf sind wie ich, die auf mein Zeug stehen, und auf deren Zeug ich stehe. Das kann ich nur, wenn ich mich so gebe, wie ich bin. Anstatt dieses weich gewaschene Blabla für möglichst viel Reichweite. Wie in der Werbung für Kinderschokolade, Ferrero Küsschen oder Knorr Suppen, wo die Normalos am Tisch sitzen oder auf der Wiese, und alle haben sich lieb: Alles nur, um nicht anzuecken. Das bin ich nicht!

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerWie würdest du Haltung definieren?

Als Lebensprinzip. Ich folge zum Beispiel keinen Leuten, die Katzenbilder posten. (Lacht)

Dann habe ich Glück, ich habe bisher nur ein Hundebild gepostet.

Das ist natürlich jetzt ein ziemlich seichtes Beispiel. Nehmen wir ein anderes: Ich möchte keine asymmetrischen Beziehungen leben. Ich möchte es nur mit Leuten zu tun haben, die Bock auf mich haben. Auf solche, die mir sagen, ich sei ihnen wichtig, sich aber nicht so verhalten, kann ich verzichten. Mich interessiert nicht, was du mir sagst, mich interessiert, wie du dich verhältst. Und wenn ich an deinem Verhalten wiederholt eine Diskrepanz zu dem Gesagten feststelle, dann verpiss dich, dann brauche ich dich nicht!

Interessanterweise steckt ja im Wort Verhalten das Wort Haltung.

Genau, und dabei geht es um Klarheit im Verhalten. Ich mag kein Wischiwaschi in Beziehungen. Ich mag Klartext und Klarheit. Mir geht es nicht darum, ob wir uns einmal im Jahr treffen, oder alle zehn Jahre, sondern darum, dass wir dazwischen einfach vernünftig miteinander reden. Das ist meine persönliche Haltung, ich möchte Kommunikation. Egal, was passiert, wichtig ist, dass wir vernünftig und offen sprechen.

Lass uns kurz den Bogen schlagen zu deinem Job. Du rekrutierst Ingenieure. Dabei beschäftigst du dich auch mit der Frage, ob die Leute ins Team und zum Unternehmen passen? Es geht also um Haltung, um die Einstellungen zu Fragen des Miteinanders beispielsweise. Kann man Haltung rekrutieren?

Das ist tatsächlich unser Anspruch, mehr in diese Richtung zu schauen. Ob das als Haltung zu definieren ist, da bin ich unsicher. Wir wollen Leute, die Bock auf uns und unser Unternehmen haben. Was mich heutzutage oft abfuckt, ist die Art und Weise, wie Bewerbende sich manches Mal auf ein Gespräch vorbereiten – bzw. nicht vorbereiten. Ich betrachte es als professionelle Haltung, vernünftig vorbereitet zu sein, wenn ich zu einem Vorstellungsgespräch gehe. Klar führen auch wir intern die Diskussion, ob es denn so wichtig sei, ob sich jemand vorher die Webseite angeschaut hat, oder nicht. An sich ist es das nicht; für mich persönlich aber hat es einen eignungsdiagnostischen Wert, wie jemand vorbereitet ist. Sich erst mal „oberflächlich“ quer durch Deutschland zu bewerben, finde ich in Ordnung. Aber wenn du zum Gespräch eingeladen wirst und dich nicht mal an die Stellenanzeige erinnerst, dann frage ich mich wirklich, was das über die Haltung dieses Menschen in Bezug auf seinen Job, auf die Bedeutung der Arbeit, auf das persönliche Engagement aussagt. Ein Job ist immer ein Geben und Nehmen und ich habe den Eindruck, dass sich das zuletzt immer mehr in Richtung des Nehmens verschoben hat. Stichwort Bewerbermarkt: Ich will das, das, das… Aber was gibst du dafür? Mir fehlt oftmals die Einsicht, dass es sich immer noch um ein Tauschgeschäft handelt.

Du hast Psychologie studiert. Hast du dich schon mal in einem Bewerber getäuscht und es erst festgestellt, nachdem die Person schon eingestellt war?

Klar, ich habe mich auch in Freunden getäuscht.

Bleiben wir bei den Bewerbern. Wie geht man damit um? Ist das auch eine Enttäuschung für dich persönlich?

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerNatürlich treffe ich auch mal eine Fehlentscheidung, weil es einfach in der Natur der Sache liegt. Und das verstehen viele Menschen hinsichtlich der Psychologie nicht: Psychologie führt zu Wahrscheinlichkeitsentscheidungen. Wir wollen in so einem Auswahlverfahren die Aussage treffen, ob ein Bewerber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zur Stelle passt. Wenn dann im Anschluss von zehn eingestellten Personen eine nicht passt, finde ich das in Ordnung. Wenn es aber fünf sind, muss man das Verfahren hinterfragen.

Hinsichtlich des Bewerbermarkts stellt sich aber gleichzeitig die Frage, wie herausfordernd ich mit den Bewerbenden umgehe, um die Entscheidungsgüte zu verbessern. Wenn wir überhaupt nicht konfrontieren, dann können wir auch würfeln oder auf die Straße gehen und jede/n einfach einstellen.

Ich nehme mal an, dass euer Recruitingprozess hochgradig strukturiert ist. Kann man Haltung und die Einstellung zum Thema Arbeit innerhalb eines standardisierten Prozesses prognostizieren?

Ich glaube schon. Nehmen wir das Anschreiben. Wir verlangen keines. Wenn aber jemand trotzdem ein Anschreiben verfasst, also quasi eine Art Extrameile geht, finde ich das positiv. Wenn dieses Anschreiben auch noch individuell geschrieben ist, so dass du merkst, dass sich jemand mehr Gedanken gemacht hat als gefordert, dann ist das noch beindruckender. Es signalisiert, dass diese Person den Anspruch an sich selbst hat, informiert und vorbereitet zu sein. Und da wir mittlerweile in vielen Jobs sehr selbstständig und teilweise remote arbeiten und es somit weniger soziale Überwachung gibt, ist diese intrinsische Motivation sehr wichtig.

Diese Extrameile, die Mühe mit einem Anschreiben, mit Informationsbeschaffung, das erinnert an ganz klassische Tugenden. Sind solche Tugenden gerade in Zeiten von KI umso bedeutsamer geworden?

Es hat sich ja nichts daran geändert, dass wir im Job was schaffen und leisten müssen und nicht KI alles für uns erledigt.

Aber es könnte ja auch passieren, dass sich Bewerber Anschreiben formulieren lassen und die Prompts so lange verfeinern, bis es sich individuell passend anhört.

Das wäre mir scheißegal. Ich wäre froh, wenn die Bewerber allein Google nutzen würden und sich informieren. Es geht mir dabei ums Wollen. Wenn jemand kommt, der sich sein Anschreiben gepromptet hat, dann ist das ist eine Leistung, die ich respektiere. Meine Haltung dazu ist: Du kannst alles machen, wecke aber keine Erwartungen, die du nicht erfüllen kannst.

Und dann ist es egal, ob du dafür KI zu Hilfe nimmst, oder nicht?

Richtig. Wenn du später plötzlich im Job versagst, weil dir keine KI zu Verfügung steht, dann wird es problematisch. Es geht darum zu überlegen, wie ich den Job bekomme, ohne falsche Versprechen zu machen, ohne Erwartungen zu hoch zu hängen, weil ich ja später im Job bestehen muss.

Gibt es eine Persönlichkeit an Menschen, die du mit Haltung assoziierst?

Meine Frau.

Woran machst du das fest?

Sie hat eine ausgeprägte Gerechtigkeitshaltung. Unter anderem.

Wann hast du selbst das letzte Mal Haltung gezeigt?

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem Esszimmer(Überlegt) Gute Frage. Sagen wir mal so: Ich habe mich letztens in einem Projektteam unbeliebt gemacht, in dem ich ein offenes, direktes, aber vielleicht wenig schönes Feedback in Bezug auf den Arbeitsprozess gegeben habe. Dahinter steckt die Haltung: Ich will nicht jemand sein, der ständig irgenbdeinen Scheiß dazugibt. Aber manchmal kommt ein Moment, in dem mich etwas wiederholt ärgert und ich spüre, dass ich das äußern muss. Und dann tue ich das, auch auf die Gefahr hin, dass es gar nicht gut ankommt und ich mir vielleicht eine Beziehungsebene zerstöre. Das Risiko gehe ich ein. Auch bei meinen Posts auf LinkedIn mache ich das so. Letztens hatte ich ja einen über Robert Habeck, den ich schon lange im Kopf hatte, wo ich aber wusste, dass da wahrscheinlich ziemlich viel Shitstorm kommen kann und dass das Thema eigentlich inflationär ist. Trotzdem hatte ich immer wieder das Bedürfnis, das zu machen, und hab mir dann bei einer Zugfahrt spontan gesagt: Scheiß drauf, ich mach’s jetzt, weil es mir wichtig ist, das auszudrücken.

Worum ging es in dem Post?

Dass ich seine Art der Kommunikation vorbildlich finde und dass ich mir das für alle Politiker wünsche. Dabei habe ich bewusst nicht über seine Entscheidungen oder seine Politik geschrieben, sondern mich ausschließlich auf seine Kommunikation bezogen, so wie ich sie wahrnehme: transparent, differenziert, sachlich, selbstreflektiert, einfühlsam. Das ist mir bei ihm aufgefallen, obwohl er, glaube ich, ziemlich heftig angegriffen wird. Diese Haltung würde ich mir auch von anderen wünschen.

Bist du ein harmoniebedürftiger Mensch?

Ich glaube ja. Aber ich habe gelernt, Dissonanz besser auszuhalten. Ich finde das ist eine wichtige Ressource. Im Aushalten steckt ja auch Haltung und ich glaube, Aushalten ist eines der wichtigsten Dinge, die ich für mich in den letzten Jahren gelernt habe. Das bedeutet auch, Dinge zu akzeptieren, die wir ich nicht ändern können. Es klingt so einfach, aber für mich persönlich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben.

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerWenn ich eine einzige, zentrale Haltung auswählen sollte von den vielen, die ich habe, dann wäre es diese: Sei konstruktiv. Überlege dir bei allem, was du tust und was du denkst, ob es konstruktiv oder destruktiv ist. Und dann wirst du feststellen, dass vieles von dem, was du tust, eigentlich destruktiv ist. Und sei es in Bezug auf dich selbst. Und Aushalten ist oft konstruktiver, als sich gegen etwas unveränderliches  zu stemmen.

Es kann passieren, dass wir uns mal auf den Boden werfen und rumheulen, das ist vollkommen okay. Und vielleicht ist es sogar ein bisschen konstruktiv. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Ein schönes Beispiel sind umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Wenn sich ein Spieler beim Schiedsrichter beschwert, aufgeregt zum ihm kommt und sich vor ihm aufbaut und schimpft, dann frage ich: Hast du jemals eine einzige Situation erlebt, wo der Schiedsrichter gesagt hat: Ja, OK, du hast recht, ich nehme die Entscheidung zurück? Null Wahrscheinlichkeit, dass die Beschwerde des Spielers konstruktiv ist und hohe Wahrscheinlichkeit, eine gelbe Karte zu kassieren.  

Oder der Umgang mit Krisen, nehmen wir Corona, wo es sehr stark ums Aushalten und konstruktives Denken ging. Da konnte man das sehr gut üben. Denn die Pandemie war mit ihrer Wucht und Dynamik einfach für die 2 Jahre da. Gleichzeitig gab es dennoch einen kleinen Bereich, wo du sagen konntest: Was kann ich in der scheiß Situation Konstruktives machen? Und man findet immer was, das ist ja das Tolle. Auch dieser ganze Zoff, der da stattfand, alles destruktiv. Das empfinde ich als ein super wichtiges Handlungsprinzip: Sei konstruktiv.

Wenn man deine Posts auf LinkedIn liest, gewinnt man den Eindruck von jemandem, der sich selbst sehr gut kennengelernt hat und der weiß, wofür er steht. Dabei pflegst du eine sehr kernige Sprache, mitunter polarisierend. Das ist ja schon einigermaßen weit entfernt von glattgebügelt. Wenn man bewusst polarisierend auftritt, also gewichtet, wo findest du dein Gleichgewicht?

Ich polarisiere, ohne zu polarisieren.

Wie funktioniert das?

Das funktioniert über Sprache, ich bin Fan von Sprache, möchte Dinge ansprechen, achte dabei aber sehr darauf, wie ich sie formuliere oder eben nicht formuliere. Ich frage mich in diesen Momenten: Biete ich vermeidbare Angriffsfläche, ja oder nein? Und wenn ja, an welcher Stelle? Das heißt, ich kann salopp und grob sein, aber an andere Stelle mache ich mir sehr wohl Gedanken, wie ich etwas formuliere. Mein Messinstrument dabei ist, dass ich trotz Polarisierung meiner Meinung nach relativ wenige negative Kommentare oder Nachrichten erhalten habe.

Auch das ist ja eine Haltung: Aushalten, dass jemand kommentiert hat, und bewusst nicht darauf eingehen, weil viele Kritiker nicht besonders reflektiert unterwegs sind.

Genau. Aber auch das ist eine Challenge für mich. Denn mein erster Reflex ist Zynismus, Ironie oder Beschimpfung. (Lachen) Diesen Reflex zu überwinden und zu überlegen, wie ich konstruktiv reagieren kann, ohne einerseits in Ironie zu verfallen oder andererseits quadratisch, praktisch, devot aufzutreten. Deswegen will ich übrigens auch keine Videos machen. Mein Medium ist Sprache, ich liebe die Sprache, Wortspiele und so weiter. Meine Beiträge sind sprachlich konstruiert. Die haben eine bestimmte Dramaturgie.

Du polarisierst also, ohne zu polarisieren. Kommst du dabei möglicherweise deshalb relativ ungeschoren davon, weil du auf zwei Ebenen arbeitest? Also einen konstruktiven Inhalt in einer provokanten Sprache verpackst?

Ja, das ist ganz gut erfasst. Habe ich selbst noch gar nicht so reflektiert. Es hat mit dem zu tun, was ich eingangs sagte: Ich bin ein Typ für Grauwerte. Das spiegeln auch meine Postings wieder, dass ich selten eine eindeutige Haltung habe. Mein Anspruch ist eher, Gedanken anzustoßen, als Gedanken servierfertig auf den Weg zu geben.

Viele meiner Posts sind aber auch ein Reflex auf die LinkedIn-Welt. Ich werde besonders derb, wenn mir die LinkedIn-Welt auf den Keks geht. Wenn es zu weich gewaschen ist, wenn ich nur noch 0815-Gedöns sehe, dann habe ich Bock, irgendwas mit Chucky zu posten. So ging es mir zum Beispiel mit den Posts nach der Europawahl, als alle aufschrien: Oh Gott, was ist da passiert? Da habe ich gedacht: Leute, da ist ja nichts passiert, was nicht vorgestern zu erwarten gewesen wäre. Da habe ich nicht die Ergebnisse kommentiert, sondern gehe gerne auf eine Metaebene und frage: Was soll diese Aufregung? Seit wann weichen die Wahlergebnisse 20 Prozent von den Umfrageergebnissen ab? Was ist eure Erwartung gewesen?

Vermutlich ist es die Hoffnung, trotz des persönlichen Nichtstuns eine Veränderung herbeiführen zu können.

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerMir geht es darum, rationale Reflexion anzustoßen. Ich habe einen ausgeprägten Realitätssinn. Deswegen habe ich oft bei politischen Diskussionen kein Verständnis, dass die Reaktionen so hohe Wellen schlagen. Ich denke dann: Hey, sei realistisch. Das ist eine zweite grundlegende Haltung von mir: Realitätsbezug.

Ich bin also ein ausgesprochener Rationalist und das bedeutet, sich nicht von Szenarien aufscheuchen zu lassen, sondern diese Szenarien immer wieder einem Realitätscheck zu unterziehen. Nehmen wir Corona. Hier konnte man am Anfang halbwegs genaue Prognosen treffen, weil die Krise einigermaßen gut einzuschätzen war. Es war „einfach“ eine Virus-Pandemie. Und so haben sich viele Prognosen im Laufe der 2 bis 3 Jahre bewahrheitet, weil die Krise recht fokussiert betrachtet werden konnte. In vielen anderen Krisen aber, wie der Klimakrise, liegen die Umstände sehr viel komplexer. Und da denke ich, dass je weiter wir in die Zukunft schauen, umso mehr verrennen wir uns in Spekulationen. Ich halte mich aber ungern mit Spekulationen auf, sondern ich halte mich mit der Realität auf.

Themenwechsel. Ich glaube, du hast eine ausgesprochen hohe Affinität zu den künstlerischen Dingen des Lebens: Musik, Fotografie, Malerei, Literatur. Bleiben wir mal bei der Musik. Welches Genre repräsentiert Haltung?

Eigentlich ist es Punk.

Warum überrascht mich das nicht?

(Lacht) Es ist ja lustigerweise nicht mal meine favorisierte Musik. Als Jugendlicher habe ich schon viel Punk gehört. Aber ich war nie ein richtiger Punker, habe auch viel Metal gehört, Independent… was auch zu mir passen würde, denn da steckt ja auch Haltung drin. Ich habe tatsächlich mal einen Post geschrieben, in dem es um die Gemeinsamkeit zwischen Punk und meinem Arbeitgeber ging. Denn Punk ist auch progressiv, mutig, tolerant…

Tatsächlich war eine meiner Fragen, wie viel Lautstärke Haltung braucht?

Daniel Pranczke im Gespräch zu Haltungsfragen, Foto in seinem EsszimmerIch glaube, dass Haltung Lautstärke braucht. Haltung impliziert für mich eine Attitüde, die nicht selbstverständlich ist, somit immer auf Widerstände treffen wird und sich daher immer Gehör verschaffen muss. Man kann aber auch leise laut sein. Ich muss ja nicht schreien, um eine Haltung zum Ausdruck zu bringen. Ich kann sie auch durch eine bestimmte Körperhaltung demonstrieren. Ich habe gerade diese Woche ein Training durchgeführt, in dem es u.a. um Neinsagen ging. Du kannst auf 1000 unterschiedliche Arten Nein sagen. Wenn ein/e Kollege:in bspw. etwas von dir verlangt, kannst du sagen: Sorry, das ist nicht mein Job. Oder: Sorry, aber ich habe gerade keine Kapazität. Dabei kommt es aber sehr stark auf die Tonalität an, denn ein schreiendes Nein ist genauso wenig hilfreich, wie ein schweigendes. Da sind wir wieder bei der Mitte: ein bestimmtes, freundliches Nein.

Zum Abschluss lege ich dir ein paar Karten mit Begriffskombinationen hin. Du suchst dir einfach welche aus und sagst mir, was dir spontan dazu einfällt.

Haltung und Bon Jovi. Heute gab es bei LinkedIn einen Post über Bücher, die sich mit Listen befassen. Das brachte mich auf „High Fidelity“ von Nick Hornby. Darin gibt es eine Liste der Top 5 Bands, die nach der musikalischen Revolution erschossen gehören. Bon Jovi war nicht Dabei, aber … (Lachen)

Du würdest sie drauf setzen…

Genau, ich würde sie auf die Liste setzen. Da waren die Simple Minds dabei, U2, Michael Bolton, die Beatles nicht, weil die eh schon jemand erschossen hat…ein großartiges Buch. So viel also zu Bon Jovi.

Haltung und Hawaii Toast, auch ein spannendes Thema… Heidi Klum und Haltung lasse ich weg, da würde ich zu zynisch… Haltung und Leichtigkeit, da haben wir uns zuvor drüber unterhalten und es ist mir ein persönliches Anliegen, den Leuten genau das zu vermitteln. Es befreit, bestimmte Haltungen zu haben. In sich hineinzuhorchen. Zu erkennen, was ist meins, was denke ich, was fühle ich, wofür stehe ich? Und nicht, was ich glaube, was die anderen erwarten oder was man machen sollte. Dabei geht es nicht um Egoismus, sondern um gesunden Egozentrismus. Das vergessen viele, auch beruflich. Wenn mir ein Bewerber antwortet: Ich kann mir den Job sehr gut vorstellen. Dann sage ich: Mich interessiert nicht, was Sie sich vorstellen können, mich interessiert nur, worauf sie Bock haben, was Sie wirklich wollen. Es befreit also, nicht allen gefallen zu müssen, nicht jeden Scheiß mitmachen zu müssen. Das macht freier, mutiger und zufriedener.

Also ist Leichtigkeit für dich ein Gewinn, den man durch bewusste Haltung erzielt?

Genau. Gerade im zwischenmenschlichen. Ich habe irgendwann mal gelernt, mich erst mal von mir selbst abzuwenden, um mich anderen zuwenden zu können. Egoismus ablegen als Haltung sozusagen. Da sind wir schon wieder im grauen Bereich: Im Laufe der Zeit bin ich mir auf der einen Seite persönlich viel unwichtiger geworden, achte aber auf der anderen Seite viel mehr drauf, was ich will und was nicht. Das zu verstehen, ist die Challenge.

Ich glaube auch, dass es befreiend ist, sich von dem Anspruch zu verabschieden, die ganze Welt zu verändern. Und stattessen den Anspruch zu haben, die eigene Welt zu verändern, also all das um dich herum. Das finde ich sehr schön, weil es dich wirkungsvoller macht. Die Haltung vieler Leute ist ja, dass sie als einzelner Kleiner nichts verändern könnten. Die Lösung ist: Lebe die Welt, in der du leben möchtest und für die du stehst. Und sei es nur im Kleinen. Schaue nicht auf die ganze Welt, sondern schaue auf dich. Was lebst du in Bezug auf deine Haltungen vor?

Was für ein Abschluss. Und das, obwohl er beinahe erzwungen werden musste, denn die Plauderlaune war deutlich spürbar. Die Haken, die wir dabei schlugen, beeindruckend. Neben Haltung ging es auch um Politik, um Bigos, ein polnisches Nationalgericht, wie lange Schmorfleisch ziehen muss und welche überraschende Kiezbiere in Discounterregalen zu finden sind. Wie schon gesagt: einfach wunderbar.