Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Janis McDavid

Veröffentlicht am 1. März 2024

Janis McDavid schaut nachdenklich zur Seite, Headline im Bild: Lieber Janis McDavid, mit welcher Haltung überwinden wir Grenzen?

Endlich. Ich bin verabredet mit Janis McDavid, dem Kerl, der ohne Beine mitten im Leben steht. Der seinen Alltag ohne Arme fest im Griff hat. Der für mich das leuchtende Beispiel dafür ist, wie man Grenzen überwindet und Selbstwirksamkeit erarbeitet. Der die Kraft des Positiven ausstrahlt und mir Demut schenkt.

Wie wird es wohl ablaufen? Halte ich ihm die Tür auf? Wie geben wir uns die Hand? Wie gut sollte ich darauf achtgeben, ihm behilflich zu sein? Und damit stolperte ich schon gleich über das größte Missverständnis der Menschen im Umgang mit jenen, die glücklicherweise anders sind, als wir selbst. Doch dazu später mehr.

Wie also würde es laufen … Ich sag es euch: Ganz normal. Janis kam mit dem eigenen Auto. Erschien auf seinem elektrischen Rollstuhl in der Weltwirtschaft in Berlin, gleich neben dem Bundeskanzleramt. Wir gaben uns die Hand, er legte sein Handy zur Seite und wir legten los. Und wie …

Janis, du wirst ja sehr häufig zu Interviews oder Vorträgen eingeladen. Viele Menschen wollen sicher von dir wissen, wie du dein Leben meisterst. Ich möchte den Spieß umdrehen und dich fragen: Welche neuen Horizonte hat dir deine körperliche Beeinträchtigung eröffnet?

Vor allen Dingen hat es mir die Perspektive eröffnet, mein Leben auf eine besondere Art und Weise zu führen. Einstellungen und Verhaltensweisen entstehen ja bereits im Kindesalter, indem wir das Verhalten anderer nachahmen. Die Tatsache, dass ich keine Arme und Beine habe, hat mir die Möglichkeit gegeben, anders über die Dinge nachzudenken, weil ich nie irgendetwas nachmachen konnte. Ich musste stets meinen eigenen Weg finden, den Alltag zu meistern. Seit ich denken kann, hatte ich also die Chance, neu zu denken und anders zu handeln. Und ich glaube, dass ich mir dadurch eine gewisse Skepsis antrainiert habe, wenn es heißt, Dinge seien nun mal so, wie sind. Das weckt in mir den Impuls, zu fragen Ist das eigentlich wirklich so, können wir da nicht mal genauer hinschauen? Gibt’s nicht vielleicht noch eine andere Art und Weise, das zu tun?

Mein Körper ist ein Geschenk, dass mich viel kreativer schnöde Alltagssituationen angehen lässt. Natürlich gehört dazu auch viel Training.

Mein Körper ist ein Geschenk, dass mich viel kreativer schnöde Alltagssituationen angehen lässt. Natürlich gehört dazu auch viel Training.

Janis McDavid im Januar 2024

Ein zweiter wichtiger Aspekt ist der Umstand, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Wir können unser Leben nur im Miteinander gestalten. Das erlebe ich in einer viel deutlicheren Klarheit, weil ich natürlich davon abhängig bin, dass ein Miteinander auf einer guten, einer respektvollen Ebene funktioniert. Ich glaube, ich habe mir dadurch eine gewisse Haltung antrainiert, Menschen zunächst mal unvoreingenommener zu begegnen. Natürlich bin ich nicht vorurteilsfrei, aber gerade die Abhängigkeit von der Unterstützung anderer hat mir vermutlich eine gewisse Fähigkeit gegeben, den Menschen hinter der Fassade wahrzunehmen.

Viele Menschen in deinem Umfeld begegnen dir vermutlich mit Stereotypen. Was würdest du sagen, über welchen gedanklichen Fehler stolpern die meisten, wenn sie dir begegnen?

Der größte Fehler ist vermutlich, dass sie mich unterschätzen. Weil man eben nur den Rollifahrer sieht. Da werden schnell Schubladen geöffnet: der ist abhängig, der braucht Hilfe, der kann bestimmt ganz vieles nicht.

Auf Reisen wird mir das immer bewusst, weil ich dort nicht meinen elektrischen Rollstuhl dabeihabe, sondern einen konventionellen, in dem ich geschoben werde. Ich bin total reiseverliebt, was Fluch und Segen zugleich ist. Denn einerseits gibt es für mich nichts Größeres und nichts Besseres, als andere Länder und andere Kulturen kennenzulernen. Andererseits lasse ich, bedingt durch den konventionellen Rollstuhl, auch ein Stück Selbstwert und Selbstbestimmung zuhause. Das hat etwas mit Würde zu tun. Und da ist vielleicht der Dreh- und Angelpunkt von allem: Dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Wenn ich in einer Situation das Gefühl habe, dass meine Würde nicht wirklich geachtet wird, dann versuche ich mich aus dieser Situation möglichst schnell wieder herauszuziehen. Neulich zum Beispiel, da sollte ein Gruppenfoto auf einer Treppe geschossen werden. Alle standen mindestens auf der ersten Treppenstufe und keiner mit mir unten. In dem Fall habe ich nicht schnell genug geschaltet und so war das Foto bereits geschossen, bevor ich wegkonnte. In einer solchen Situation kann ich viel selbstbestimmter reagieren, wenn ich den elektrischen Rollstuhl habe, wenn ich also wegfahren kann. Begebe ich mich aber mit dem normalen Rolli in Abhängigkeiten, sind Selbstbewusstsein und Würde für mich schwieriger im Alltag zu leben. Dadurch begegnen mir insbesondere auf Reisen Menschen mit entsprechenden Vorbehalten.

Du sprichst Würde und Selbstwirksamkeit an – gibt es eine Haltung, die dich maßgeblich durchs Leben trägt?

Gleichberechtigung, eben weil die Würde des Menschen unantastbar ist. Ich finde, worin wir uns alle einig sein müssen, ist unsere Menschlichkeit. Nicht umsonst steht das ganz am Anfang unseres Grundgesetzes, und es ist eine Genialität, kaum zu überbieten, dass das genau so genau dort steht. Nicht umsonst ist es vielfach kopiert worden und das ist für mich ein Wert, der nicht verhandelbar ist.

In einer pluralistischen Gesellschaft ist es natürlich das A und O, dass wir auch Meinungen zur Debatte geben. Jedoch diese Menschlichkeit und die Gleichberechtigung sind in meinen Augen nicht verhandelbar.

Hast du eine Definition für Haltung?

Nein, weil ich kein wandelndes Lexikon bin.

Rein aus deiner Perspektive, denn ich habe festgestellt, dass dieser Begriff sehr unterschiedlich assoziiert wird.

Das ist genau das Problem. Ich glaube, viele Menschen assoziieren vieles und keiner weiß ganz genau, was es eigentlich ist. Ich würde mal behaupten, auch ich weiß nicht abschließend, was das eigentlich ist. Aber ich habe ein Gefühl dazu, und das sagt mir, dass Haltung auf unseren Werten aufbaut. Werte sind gewissermaßen das Fundament und Haltung ist das, was dieses Fundament nach außen trägt.

Für mich bedeutet Haltung immer Bewegung. Ich kann keine Haltung im Sitzen haben. Haltung ist nicht passiv, sondern die zugrundeliegenden Werte sind es. Gleichberechtigung ist für mich ein Wert, ebenso, wie Loyalität oder Ehrlichkeit. Haltung kommt dann ins Spiel, wenn ich aufstehe und diese Werte verteidige, für sie einstehe.

Für mich bedeutet Haltung immer Bewegung. Ich kann keine Haltung im Sitzen haben. Haltung ist nicht passiv, sondern die zugrundeliegenden Werte sind es. […] Haltung kommt dann ins Spiel, wenn ich aufstehe und diese Werte verteidige, für sie einstehe.

Janis McDavid im Januar 2024

Das heißt, Haltung hat immer einen Bewegungsimpuls. Und: Haltung ist anstrengend, will diskutiert werden. Du kannst nicht einfach die Tür zu machen und sagen, so, jetzt habe ich keine Haltung mehr. Wenn du bspw. keinerlei Diskriminierungserfahrung in deinem Leben gemacht hast, kannst du dich gewissermaßen zurücklehnen. Ich treffe manchmal Leute, die Dinge äußern, wie: Ihr seid ihr immer so anstrengend als Minderheit. Überall müssen eure Fahnen sein. Können wir nicht einfach in einer Welt leben, in der das ganz normal ist? Das ist auch mein größter Wunsch. Problematisch ist nur, wenn das Personen sagen, die selbst nicht diskriminiert werden, denn faktisch leben wir nicht in einer Welt, in der alles normal ist. Wenn wir da also noch nicht sind, aber gerne dort wären, dann ist ja keine Lösung zu sagen: Euer ganzes Getöse geht mir auf den Zeiger, kann denn nicht einfach alles gut sein? So wird ausgrenzendes Verhalten einer Gesellschaft zementiert, statt aufgelöst.

Ist ein derartiges Denken im Grunde unverschämt, weil die Verantwortung für die Gleichstellung an die benachteiligte Gruppe abgeschoben wird?

Es ist aus zweierlei Gründen unfair und unverschämt: Erstens wird die Verantwortung, wie du sagst, an die Minderheit abgegeben. Zweitens werden uns dadurch Steine in den Weg gelegt. Ich kann nicht einfach sagen, ach nee, heute habe ich mal keine Lust, schwul zu sein. Ich muss dafür einstehen, um die Akzeptanz kämpfen. Und solange ich dafür kämpfen muss, haben wir eine gewisse Notwendigkeit, dass Minderheiten laut sind. Du kannst Haltung nicht an andere abgeben.

Du kannst Haltung nicht an andere abgeben.

Janis McDavid im Januar 2024

Resultiert das möglicherweise daher, dass plötzlich ein unbequemes Thema an mich herangetragen wird? Da ist eine Minderheit, die nicht dieselben Chancen hat, wie ich, die also diskriminiert wird. Und weil es sich für mich unbequem anfühlt, mache ich es mir bequem und denke: Können wir die nicht einfach alle gleich behandeln, ohne Sonderstatus?

Genauso ist es, wenn die Leute bspw. sagen: Ja, aber wir wollen ja die Vorstandsposten nicht nach Geschlecht, sondern nach Qualifikation besetzen. Das ist zwar richtig, nur dürfen wir die Vision nicht mit dem Weg verwechseln. Denn wenn wir uns den Weg der letzten Jahrzehnte anschauen, dann hat sich schlicht und ergreifend sehr wenig verändert. Also ist doch die Frage, wie erfolgt Veränderung in einer Gesellschaft? Die passiert doch nicht durch Passivität, die passiert doch nicht, indem sich ein paar Typen hinsetzen und sagen, eigentlich würden wir gerne in einer Welt leben, in der Geschlecht keine Rolle spielt. Würden sie es ehrlich meinen und wirklich danach handeln, dann hätten wir das Problem auch nicht.

Hilft es dann, eine Quote vorzugeben, die eine Handlung erzwingt, die möglicherweise dazu führt, dass nicht die qualifiziertesten Menschen in den Positionen sitzen, sondern zunächst mal die Menschen eines bestimmten Geschlechts?

Ja, die Quote hilft auf jeden Fall. Ob sie das beste Mittel ist, darüber können wir streiten. Ich habe nur kein besseres. Ich weiß aber, dass wir dringender denn je irgendetwas tun müssen. Es gab irgendwann eine Studie, in der aufgezeigt wurde, wann wir tatsächlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dieser Zeitpunkt liegt in etwa 150 Jahren. Die Frage ist, haben wir so viel Zeit? Wollen wir uns diese Zeit nehmen, oder verschenken wir nicht jetzt schon aberwitzige Summen, weil wir diese Inklusion von Vielfalt in der deutschen Wirtschaft nicht vorantreiben? Wir könnten 100 Milliarden Euro mehr Wertschöpfung in der deutschen Wirtschaft generieren, wenn wir das Thema kulturelle Vielfalt im Unternehmen besser inkludieren würden. Die Quote bewirkt zumindest mal etwas.

Jetzt werden natürlich wieder welche aufschreien, die Frauen würden bevorteilt und die Männer diskriminiert. Das ist Blödsinn! Wir leben in einer Gesellschaft, die über Jahrhunderte Männer auf viele Art und Weisen bevorzugt hat. Wenn wir uns das mal als Waage vorstellen, dann wurde die männliche Schale über Jahrhunderte mit Gewichten beschwert. Das heißt, die Waage ist völlig im Ungleichgewicht. Und nur, weil wir mal zwei Jahrzehnte Frauenquote ausprobieren, ist die Waage noch lange nicht ausgeglichen. Das erzeugt natürlich Reibungseffekte, weil Menschen an bestimmten Positionen erst einmal Macht und Einfluss verlieren und sich natürlich Stati verändern. Das ist unbequem.

Im Grunde wie bei einem Pendel, das immer zu beiden Seiten ausschlagen muss, um in einen ausgeglichenen Zustand zu gelangen.

Stimmt. Wenn du etwas verändern willst, kannst du immer schöne Worte finden. Aber was tust du dafür? Für einen Ausgleich reicht es auch nicht, die Quote einzuführen. Es muss noch mehr passieren. Wir müssen uns beispielsweise darüber unterhalten, warum diese Strukturen überhaupt entstehen konnten. Warum Männer überall das Sagen haben, warum Geschäfte oftmals auf der Herrentoilette abgeschlossen werden, also in Netzwerksstrukturen, in denen Frauen strukturell ausgegrenzt werden. Wir müssen uns über Frauenförderung unterhalten, über Erziehungsfragen. Es ist so vielschichtig. Deswegen sind wir auch bei dem Thema als gesamte Gesellschaft gefragt.

Ein Thema, das dich offenbar sehr bewegt und das ich gern aufnehme: Gibt es in diesem Themenfeld oder darüber hinaus einen Aspekt, über den du im Kontext Haltung besonders gern sprechen möchtest?

Ja: Dass wir verstehen müssen, dass wir in dieser Gesellschaft nur gemeinsam vorankommen. Auf der einen Seite schöpfe ich mit Blick auf die aktuellen Demos gegen Rechts und aus den Kommentaren etwa zu meiner Anwesenheit auf der Demo in Berlin die Hoffnung, dass die sogenannte demokratische Mitte jetzt endlich mal verstanden hat, dass Demokratie kein uneingeschränkt verfügbares Konsumgut ist, sondern dass Demokratie etwas ist, das wir leben müssen. Ich sehe ich aber auch, wie Hass und Hetze in den sozialen Netzwerken weitergetrieben werden. Es ist mitunter schwer zu erkennen, was einfach nur reiner Hass, und was eine ernsthafte Sorge der Menschen ist, die sie zeitgleich in einem Hasskommentar verkleiden. Ich glaube, das wird unsere Aufgabe als Mehrheit dieser Gesellschaft und als Mensch sein. Eine Aufgabe, die anstrengend ist und Zeit und Nerven kostet. Haltung ist eben kein Wohlfühlprogramm, wo alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Sondern sie ist genau das, was anstrengend ist, was Kraft und Arbeit erfordert.

Haltung ist […] kein Wohlfühlprogramm […]. Sondern sie ist genau das, was anstrengend ist, was Kraft und Arbeit erfordert.

Janis McDavid im Januar 2024

Als ich gestern in den Nachrichten hörte, dass in den vergangenen Tagen über eine Million Menschen auf der Straße waren, um gegen Rechts zu demonstrieren, da dachte ich: Endlich mal eine gute Nachricht. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn wir dem Negativen nichts entgegenhalten und das Gute nicht praktizieren, dann versagen wir als Mensch und Gesellschaft.

Ja, total. Man ist ja auch so schnell gegen etwas. Das hat mich von Demonstrationen oft abgehalten, weil man da immer gegen etwas ist. Ich bin eigentlich lieber für irgendetwas. Gestern auf der Demo habe ich das für mich umdefiniert. Ich bin nicht gegen Rechts oder gegen Nazis auf die Straße gegangen, weil ich dem Unsinn auch gar keine weitere Bühne bereiten möchte. Ich bin für Vielfalt, für die Demokratie und für eine pluralistische Gesellschaft auf die Straße gegangen. Weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass eine vielfältige Gesellschaft oder Gruppe immer erfolgreicher ist, als eine homogene. Wenn wir uns einfach nur mal umschauen, von was wir alles umgeben sind und worauf unser Wohlstand basiert, dann ist es genau diese Vielfalt. Den Corona-Impfstoff zum Beispiel hätte es ohne Vielfalt nicht gegeben, daran haben Menschen aus 60 Nationen gearbeitet.

Ich bin nicht gegen Rechts […] auf die Straße gegangen […]. Ich bin für Vielfalt, für die Demokratie und für eine pluralistische Gesellschaft auf die Straße gegangen. Weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass eine vielfältige Gesellschaft oder Gruppe immer erfolgreicher ist, als eine homogene.

Janis McDavid im Januar 2024

Wenn du es natürlich mit Menschen zu tun hast, die schlicht und ergreifend alles leugnen, die das Gefühl haben, dass die Medien uns sowieso nur nach Strich und Faden verarschen, die Regierung Bevölkerungsaustausch verfolgt und dass es Corona nicht gibt, dann ist es auch schwer, zu diskutieren, weil mir dann die Grundlage fehlt.

Vermutlich haben es sich diese Menschen nicht ausgesucht, dass sie radikalisiert wurden, dass sie die Sachebene verlassen und so pauschal auf so einfache und auch hauchdünne Argumente abzielen. Es sind ja trotz allem menschliche Geschichten dahinter, die von der Sehnsucht erzählen, wahrgenommen, respektiert, ja geliebt zu werden. Danach strebt nahezu jeder, auch ein Nazi. Die Frage ist also: Was muss alles passiert sein, dass du eine radikale Position beziehst und das Gute in der Vielfalt nicht mehr wahrnimmst?

Das erinnert mich ein bisschen an das Toleranz Paradoxon des Philosophen Karl Popper. Die Toleranz wird zur Gretchenfrage, denn wenn du Toleranz anbietest, dann musst du sie allen anbieten, auch radikalisierten Menschen. Das ist aber in gewisser Weise der Trugschluss, den wir machen, denn wenn wir tolerant denjenigen gegenüber sind, die die Toleranz abschaffen wollen, dann schafft sich die Toleranz selbst ab. Und ähnlich ist es mit der Demokratie, wenn wir also denjenigen tolerant begegnen, die die Demokratie abschaffen wollen. Das haben wir schon erlebt in diesem Land und das müssen wir nicht noch mal erleben. Deswegen ist die Frage, wo man eine ganz klare rote Linie zieht.

Kann man da nicht differenzieren? Man kann ja Menschen in ihrem Sein tolerieren, nicht aber ihr Verhalten.

Ich glaube, du brauchst das Fundament eines Wertesystems. Das sind die Säulen, auf denen unsere Gesellschaft aufbaut. Und da geht es noch nicht um Gleichberechtigung, sondern um viel fundamentalere Werte wie Demokratie und dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Darauf bauen dann Themen wie Loyalität, Ehrlichkeit oder Gleichberechtigung auf.


Es war so, wie ich es mir gedacht hatte. Einen Fragenkatalog hätte es gar nicht gebraucht. Janis und ich kamen ins Reden, Grübeln, Reflektieren, Erzählen. Die andere gute Nachricht: Ich habe die Kurve irgendwann noch bekommen:

Ich nehme dich als einen sehr positiven und optimistischen Menschen wahr, der dem Leben alles Positive abringt, was es zu bieten hat. Trotzdem erlebst du wahrscheinlich Frustration. Wie schaffst du es, aus der Frustration wieder rauszukommen?

Indem ich sie möglich schnell beende. Meine Lieblingsfrage im Leben ist immer: Was bringt es mir? Das hört sich jetzt vielleicht im ersten Moment nach einer sehr egoistischen Frage an. Auf jeden Fall ist es aber eine sehr empowernde, ermutigende Frage, in der unfassbar viel Kraft steckt.

Wenn mich […] etwas frustriert, stelle ich mir […] die Frage: Was bringt mir diese Frustration, hilft sie mir irgendwie weiter? Diesbezüglich habe ich mir […] eine ziemliche Radikalität angewöhnt, weil ich erkannt habe, dass mir Frustration nichts bringt.

Janis McDavid im Januar 2024

Wenn mich also etwas frustriert, stelle ich mir tatsächlich erst mal die Frage: Was bringt mir diese Frustration jetzt, hilft sie mir irgendwie weiter? Diesbezüglich habe ich mir in meinem Leben eine ziemliche Radikalität angewöhnt, weil ich erkannt habe, dass mir Frustration nichts bringt. Natürlich würde mir im Zweifel jedes Recht zugesprochen werden, frustriert zu sein. Dann erlaubt man sich, zuhause auf dem Sofa zu sitzen und sich selbst zu bemitleiden. Nur ist es am Ende des Tages mein Leben und mein Verständnis von diesem Leben ist, dass ich es mit größtmöglicher Freude leben möchte. Nicht Spaß, sondern Freude und eine größtmögliche Wirksamkeit, mit meinen Mitteln möglichst viel Berge zu bewegen.

Eine schöne Erklärung für die positive Form des Egoismus, denn erst, wenn du dich selbst liebst, kannst du auch anderen davon etwas abgeben.

Genau. Ich entscheide, was ich denke, ich steuere meine Gedanken und lasse sie nicht einfach so auf mich zukommen. Ich stelle mir Gedanken gerne vor wie Züge. Und ich bin derjenige, der an der Weiche steht. Dass die Züge kommen und aus welcher Richtung, kann ich nicht beeinflussen. Aber ich stehe an der Weiche und kann entscheiden, was ich mit diesen Zügen mache. Ich mach es im Grunde, wie die Deutsche Bahn. Wenn ich Bock habe, mal an einem Gedanken festzuhalten, baue ich einfach eine winzige Verspätung ein. Ich ändere auch die Wagenreihung von meinen Gedanken so lange hin und her, bis mir der Gedanke gefällt. Manche Züge und Gedanken lasse ich aber auch einfach durchrauschen, oder vielleicht lasse ich auch mal einen Zug verschwinden, dann ist er einfach vom Erdboden verschluckt. Ich kann entscheiden, was mit meinen Gedanken passiert und ich habe für mich entschieden, dass ich keine Energie und keine Zeit damit verschwenden will, an den negativen, lähmenden Gedanken festzuhalten. Das führt dazu, dass ich nicht gelähmt bin. Also habe ich Gehirnkapazitäten frei, um über mögliche Lösungen nachzudenken. Und das ist, glaube ich, der Fehler, den viele Leute machen, die so schnell ins Jammern kommen und sich dann wundern, dass sie dort keine Lösung finden.

Wenn also dein Gehirn nicht mit diesem Strudel aus negativen Gedanken beschäftigt ist, sucht es sich automatisch eine andere Beschäftigung. Unser Gehirn ist ja immer in Bewegung, immer aktiv, es hört ja nicht auf zu denken. Die Frage ist, mit welchen Gedanken füttere ich es?

Also wie eine selbsterfüllende Prophezeiung? Wir sind im Prinzip in der Lage, unser Gehirn darauf zu trainieren, in Lösungen zu denken und nicht in Problemen, sodass sich erfüllt, was ich auch möchte?

Im Grunde ja. Denn egal, ob du glaubst, dass es dir schlecht geht, oder ob du glaubst, dass es dir gut geht, du wirst immer Recht behalten. Aber auch das hat Grenzen, natürlich ist nicht alles im Leben möglich, nur weil man dran glaubt. Das ist Blödsinn! Aber im Sinne der Selbstwirksamkeit glaube ich sehr fest an diese selbsterfüllende Prophezeiung, weil ich sie alltäglich erlebe.

Es ist ja nicht so, dass im alltäglichen Einerlei einem Menschen mehr Unglück passiert, als einem anderen. Schicksalsschläge mal ausgenommen. Sondern es gibt eben in unser aller Leben positive Dinge, die uns widerfahren, und negative. Der Optimist sieht im Negativen die Ausnahme, der Pessimist die Bestätigung. Das ist am Ende des Tages das Geheimnis.

Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass du auch bei schweren Schicksalsschlägen letztlich immer noch einen kleinen Horizont, eine Option auf Selbstwirksamkeit hast. Und solange du dich auf diesen Horizont fokussierst, kannst du dich nicht im Selbstmitleid verlieren. Ich hätte jegliche Chance gehabt, mich ins Selbstmitleid zu stürzen, und niemand hätte es mir übelgenommen. Da hätte keiner aufgeschrien, dass der Typ ohne Arme und Beine sich selbst bemitleidet. Nein, ich glaube, dass du dein Schicksal auch bei schweren Rückschlägen in der Hand hast.

Dein Schicksal oder den Umgang damit?

Klar, was dir passiert, passiert. Ich habe keine Arme und Beine, das habe ich nicht in der Hand. Dennoch gibt es eine Spannbreite meiner Handlungsoptionen von ich sitze zu Hause auf dem Sofa und werde von vorne bis hinten bemuttert bis hin zu ich lebe das selbstbestimmte Leben, das ich jetzt lebe. Ich glaube, dass wir diese Spannbreite haben, vielleicht nicht immer sofort und nicht immer erkennen wir sie, aber ich glaube, dass wir sie uns erarbeiten können.

Ein holländischer Psychologe hat mal im Kontext der Beziehungsarbeit und des empfundenen Glücks oder Unglücks gesagt, wir hätten immer eine Wahl.

Ja, manche haben vielleicht eine größere Aufgabe, andere eine kleinere. So oder so können alle gestärkter aus einer schicksalhaften Situation herausgehen. Es gibt ein Buch, das ich total spannend fand, mit dem Titel Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben. Der Psychiater Ben Furman beschreibt darin seine Erkenntnisse zur Frage, welche Fähigkeiten Kinder entwickelt haben, die eine wirklich schwere Kindheit hatten? Menschen, die mit Machtmissbrauch oder sexueller Gewalt groß geworden sind und dennoch ein erfüllendes Leben führen. Das ist eine ungemein spannende Frage.

Das ist es im übrigen, was mir auf politischer Ebene bei denjenigen zu kurz kommt, die meinen, sie müssten jetzt aus Frust die AfD wählen. Demokratische Politik ist kein Konsumangebot, sondern wir müssen etwas dafür tun. In dieser Selbstwirksamkeit liegt eine positive Konnotation, eine Hoffnung und gleichzeitig auch eine Verpflichtung.

Demokratische Politik ist kein Konsumangebot, sondern wir müssen etwas dafür tun. In dieser Selbstwirksamkeit liegt eine positive Konnotation, eine Hoffnung und gleichzeitig auch eine Verpflichtung.

Janis McDavid im Januar 2024

Ich habe manchmal das Gefühl, dass solche Menschen sich aus der Eigenverantwortung heraus stehlen. Vielleicht tun sie es unterbewusst, ich will das gar nicht absichtsvoll unterstellen. Aber faktisch geben sie die Verantwortung zur Selbstwirksamkeit ab, indem sie polarisieren.

Wie oft ich höre, man müsste mal, der Kanzler müsste mal. Nein, ob nun Ampel oder die Große Koalition oder wer auch immer da irgendetwas macht, es sind keine Dienstleister. Genau das verstehen wir in Deutschland oft falsch. Politik ist keine Dienstleistung. Politik ist etwas, das wir implementieren. Das sind Menschen, die für uns nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. Wenn wir uns aus der Verantwortung rausziehen, dann können wir am Ende nicht sagen, die machen alles falsch. Natürlich gehören zu einer Demokratie auch Kompromisse und Fehler. Es kann passieren, dass eine Regierung regiert, die du nicht gewählt hast, was aber faktisch kaum noch passiert, weil meist mehrere Parteien involviert sind. Aber das Ergebnis kann ja nicht sein, sich aus dieser Selbstverantwortung zu verabschieden und nur noch auf der Ampel rumzuhacken.

Die logische Folge wäre doch, dass ich aktiv werde. Das ist meine ureigene Logik: Wenn mir etwas nicht passt, dann werde ich aktiv. Wenn es mir bspw. nicht passt, dass ich nicht in der Lage bin, mich selbst an- und auszuziehen, dann werde ich aktiv und lehne mich nicht zurück. Denn neue Fähigkeiten erlange ich nicht dadurch, dass ich mich zurücklehne.

Du sagtest vorhin, Haltung sei für dich eine Aktivität. Nun ist keine Haltung zu haben, ja auch eine Haltung. So gesehen ist Passivität eine sehr skurrile Form der Aktivität, nämlich eine bewusste Verweigerung.

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber es stand mal irgendwo geschrieben, dass die Gleichgültigen in unserer Gesellschaft die größten Umbrüche ermöglicht haben. Ohne die Gleichgültigen hätte es Hitlers Aufstieg nicht gegeben, ohne die Gleichgültigen würde es auch jetzt die AfD nicht in dieser Form geben. Die Gleichgültigen sind diejenigen, die in sehr hohem Maße die Geschicke mitbestimmen.

Wir haben vorhin über Gleichberechtigung und Inklusion gesprochen. Hier würde ich gerne noch einmal anknüpfen, weil du eine besonders intensive Perspektive auf dieses Thema hast. Was würdest Unternehmen sagen, wie Inklusion gelingen kann?

Ich würde sagen: Hey, beschäftigt euch mal mit der positiven Seite der Inklusion! Denn mir fällt oft auf, dass wir uns ausschließlich mit den Defiziten und den Herausforderungen beschäftigen. Dann wird sowas gesagt wie aber wir sind nicht barrierefrei, dies und jenes ginge ja nicht und das sei ja ein Problem. Das alles ist für mich zu kurz gedacht. Natürlich gibt es Dinge, die sich für und durch Inklusion verändern müssen, aber ich glaube, dass am Ende des Tages der Schlüssel zum Erfolg in der Frage liegt, was wir dadurch gewinnen können? Was sind die positiven Aspekte von Vielfalt und Inklusion? Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderung, sondern Inklusion ist im Grunde der Oberbegriff für gelebte Vielfalt. Ich verstehe manchmal auch nicht, warum Unternehmen Diversity Management betreiben, die Vielfalt ist doch sowieso da. Also warum wollt ihr sie managen? Ihr müsst sie inkludieren.

Mein Plädoyer wäre also, sich mal damit zu beschäftigen, was die Vorteile einer vielfältigen Belegschaft sind und an welchen Stellen man von der Meinungsverschiedenheit profitieren kann. Was ist also der Business Case? Dazu gibt es genügend Studien, die man sich durchlesen kann. Inklusion gelänge viel besser, wenn wir sie mit einer positiv getriebenen Energie umsetzen und nicht aus einer Verpflichtung heraus.

Inklusion gelänge viel besser, wenn wir sie mit einer positiv getriebenen Energie umsetzen und nicht aus einer Verpflichtung heraus.

Janis McDavid im Januar 2024

Ich habe ja mal angefangen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dort habe ich gelernt, dass Wirtschaft oder Unternehmertum im Grunde genommen bedeutet, mit begrenzten Ressourcen das bestmögliche rauszuholen. In allen anderen Bereichen tun wir das in der Regel musterschülerhaft und ich frage mich oft, warum gelingt es uns an dieser Stelle nicht? Begrenzte Ressourcen heißt begrenzte Fachkräfte, begrenzte Anzahl Menschen, die für mich arbeiten wollen, da muss ich mir doch die Frage stellen: Wie generiere ich die bestmöglichen Ergebnisse mit den Menschen, die in unserer Gesellschaft leben? Das Thema Inklusion wird oft nicht unternehmerisch angegangen, sondern unter dem Aspekt der sozialen Verpflichtung. Klar haben Unternehmen eine soziale Verantwortung, aber ich glaube, dass Inklusion erfolgreicher sein kann, wenn wir sie unternehmerisch angehen. Dazu gehört natürlich auch die Diskussion darüber, wie wir Leistung definieren. Gehören zu den Leistungsträgern nur Verkäufer, Handwerker, IT-Spezialisten & Co oder bspw. auch diejenigen, die sich um eine gesunde Unternehmens- und Arbeitskultur bemühen? Denn die wirst du nicht in der Gewinn- und Verlustrechnung wiederfinden. Ich denke, der Leistungsbegriff ist viel zu eng definiert. Auch das behindert Inklusion.

Ich vermute, dass unser kapitalistisches System eine der Ursachen dafür ist, warum Unternehmen die Inklusion so schwerfällt, weil sie wirtschaftlich betrachtet wahrscheinlich aufwendiger erscheint.

Aber ist dann nicht der Kapitalismus falsch verstanden worden? Denn wenn wir alle nur danach handeln, dass wir einen direkten Mehrwert auf dem Konto erzielen, dann ist das zu kurz gedacht. Es gibt ja auch Geschäftstätigkeiten, die auf einem indirekten Weg aufs Konto einzahlen. Unternehmen müssen  natürlich zunächst einmal Gewinne erwirtschaften. Sozial zu sein, ist zunächst einmal eine generische Aufgabe etwa von Sozialhilfeträgern. Das sind zwei unterschiedliche Handlungsfelder und dennoch haben beide eine Verantwortung im jeweils anderen Bereich. Ein Unternehmen hat auch eine soziale Verantwortung und der soziale Bereich muss am Ende des Tages wirtschaftlich tragbar sein. Beides bedingt einander und natürlich kosten gewisse Dinge wie etwa barrierefreie Umbauten Geld, aber die Frage ist: Was geht uns an Wertschöpfung verloren, wenn wir es nicht machen?

Interessanterweise haben ja große Unternehmen etwa zur Zeit der Industrialisierung oder später in Wirtschaftswunderzeiten begonnen, beispielsweise Betriebsärzte zu beschäftigen oder Werkswohnungen zu bauen, um die Arbeitskraft der Mitarbeitenden zu erhalten. Ich habe den Eindruck, dass wir mit People & Culture Beauftragten oder dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement heute in einer weiteren Ausbaustufe dieser Ideen sind, die verdeutlicht, dass seelische und körperliche Gesundheit zur Wertschöpfung beitragen.

Genau, da schließt sich der Kreis zur Inklusion. Und wie gesagt, die Zahlen sind ja auch alle da, bspw. bis zu 100 Milliarden Euro, die wir liegen lassen, weil wir die kulturelle Vielfalt in den deutschen Unternehmen nicht inkludieren. Es gibt Studien dazu, dass Unternehmen, die eine vielfältige Belegschaft haben und diese gut inkludiert haben, eine signifikant höhere Wettbewerbsfähigkeit aufweisen. Also ist die Frage, welchen Aufwand bin ich bereit, als Unternehmerin oder Unternehmer auf mich zu nehmen, um diesen zusätzlichen Mehrwert für mich zu generieren?

Zum Thema Herausforderungen nutzen, inklusiv und selbstbestimmt leben, eine letzte Frage, weil es mich einfach brennend interessiert: Wie putzt du dir eigentlich die Zähne?

Ganz einfach: Ich habe so eine stinknormale manuelle Zahnbürste, keine elektrische also, und die stecke ich mir in den Mund und kann sie über Kieferbewegungen und mithilfe der Zunge hin und her rollen. Also so eine kreisende Bewegung, haben wir ja alle mal beim Zahnarzt so gelernt. Und das bekomme ich eben über die Kieferbewegung hin.

Ganz normal also. Und genau das schließt den Kreis zu Janis Definition von Haltung: Haltung ist Aktivität. Sie ist die Suche nach und das Erarbeiten von Lösungen, wo sie möglich sind. Und wie ich gesehen habe, sind sie deutlich häufiger möglich, als ein beschränkter körperlich voll ausgestatteter Normalo wie ich es mir vorstellen konnte. Hut ab.