Employer Standing: Haltungsfragen im Diskurs mit Tarek Fansa

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Tarek Fansa: Syrer, Deutscher, Smart Building Consultant, Visionär

Früher pflegten wir Freundeskreise, heute pflegen wir Netzwerkstrukturen und bewegen uns in Bubbles. Beiden Bildern, dem Kreis und der Blase, ist eines gemein: Sie haben eine Grenze. Innerhalb dieser Grenze finden wir vor allem Bestätigung unserer Annahmen und Einstellungen. Spannend wird es in dem Moment, in dem wir diese Grenze überschreiten und die Lebensrealität der Menschen kennenlernen, die wir vorher nicht gesehen haben.

Ich weiß nicht weshalb, aber im Juni dieses Jahres erschien ein Post von einem jungen Mann in meiner LinkedIn-Bubble, den ich noch nie zuvor wahrgenommen hatte. Was Tarek Fansa an diesem Morgen mitzuteilen hatte, berührte mich sehr:

„Deutschland hat mir nicht nur einen sicheren Hafen geboten, sondern auch die Mittel und die Möglichkeit, mich als Individuum und als Teil einer Gesellschaft zu entfalten. Deutschland, ich will dich würdigen […], werde deine Sprache sprechen, deine Kultur feiern, deine Traditionen ehren und deine Zukunft mitgestalten.“

Mir war klar, dass es eine Bereicherung sein würde, einen Menschen kennenzulernen, der uns aufzeigt, was wir selbst nicht mehr sehen: die Vorzüge unseres Landes. Und eine Klarheit bzgl. der eignen Haltung zu erleben, die uns so oft abhandengekommen zu sein scheint.

Nur wenige Wochen später stiefelte ich froh gestimmt vom Berliner Hauptbahnhof Richtung Zionskirche, wo ich den Consultant Smart Building im Maschinenraum treffen würde. In diesem Co-Workingspace beschäftigen sich Mitarbeitende unterschiedlichster Firmen mit Digitalisierungsthemen. Und so viel war klar: Ich würde viel von dem sympathischen, klugen und vor allem klaren Kopf lernen können.

Sein herzlicher Empfang hat mich berührt, eine gemeinsame Wellenlänge war spürbar und doch kannten wir uns nicht. Also fing ich ganz vorn an:

Wer ist Tarek Fansa?

Tarek ist ein Mensch mit einer besonderen Einstellung und einer Vision für die Zukunft. Ich komme ursprünglich aus Syrien und bin seit einem Monat offiziell deutscher Staatsbürger. Ich bin ein sehr glücklicher, lebensbejahender Mensch und ich glaube, dass jeder mit dieser Einstellung seine persönlichen Ziele erreichen wird.

Wie lange bist du nun in Deutschland?

Seit 2015 – und vielleicht erzähle ich kurz meine Geschichte zur Einordnung: Im Jahr 2014 habe ich mein Abi in Syrien gemacht. In dieser Zeit habe ich drei Jahre lang den Krieg sehr intensiv erlebt, ohne Wasser, ohne Strom, das komplette Paket. Nach dem Abi folgte ich meiner Schwester in die Türkei, wo sie eine kleine Wohnung gemietet hatte. Dort habe ich ein Jahr verbracht und die Kultur und Sprache kennengelernt. Mein Bruder studierte vor Jahren  Zahnmedizin in Frankreich und schlug mir vor, es doch mal mit Deutschland zu probieren. Von diesem Land wusste ich fast nichts, außer der Geschichte um den zweiten Weltkrieg und dass eine Frau Namens Angela Merkel Bundeskanzlerin war. Ich habe dann ein Visum beantragt, was etwas mühsam war, aber möglich, wenn man über die finanziellen Mittel verfügt und jemanden kennt, der sich ein bisschen auskennt und helfen kann. Und jetzt bin ich seit 2015 hier in Deutschland.

Wie ging es hier in Deutschland weiter?

Ich habe Maschinenbau studiert, obwohl ich ursprünglich Schönheitschirurg werden wollte. [Lacht] Schon in jungen Jahren war ich besessen von diesem Fach, von der Möglichkeit, das Aussehen der Menschen zu verschönern. Aber ich habe mich weiterentwickelt und andere Sachen kennengelernt, unter anderem die Industrie hier in Deutschland und natürlich die entsprechenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Ingenieure haben hier den Jackpot, das habe ich verstanden und mich für Maschinenbau eingeschrieben. Und wenn du dich fragst, warum ausgerechnet Maschinenbau und nicht bspw. Elektrotechnik, naja, dazu gibt es auch eine kleine Geschichte: Beides stand für mich zur Wahl. Nun war unser Altbau an der Uni Braunschweig ein traumhaft schönes Gebäude. Und manchmal fühlst du, dass du am richtigen Ort bist und alles tun würdest, um hier zu bleiben. Das habe ich gemacht und mich für Maschinenbau entschieden.

Bist du ein intuitiver Mensch, der sehr auf sein Bauchgefühl hört, oder eher ein Analytiker, der im Kopf abwägt?

Ich bin jemand, der die Harmonie dazwischen feiert. Wenn du nur auf dein Bauchgefühl hörst, dann wirst du manchmal Entscheidungen treffen, die dich in deiner Komfortzone verharren lassen. Wenn du hingegen ausschließlich analytisch denkst, dann würdest du vermutlich viele Sachen nicht machen, die deinem Leben Sinn verleihen. Alles ist Fluch und Segen, deshalb ist mein Ansatz das Abwägen zwischen beidem.

Was hättest du beispielsweise nicht getan, wenn du nur auf dein Bauchgefühl gehört hättest?

Ich hatte in Braunschweig ein sehr gutes Jobangebot in der Automobilindustrie erhalten und habe gefühlt: Okay, ich bin noch jung, habe hier studiert, jetzt arbeite ich ein paar Jahre hier, baue mir etwas auf und dann sehen wir, was passiert. Dann hat mich jedoch meine Frau für Berlin begeistert. Da gibt es sehr viel mehr zu erleben, viel mehr zu tun, viele Möglichkeiten und Perspektiven, das war ein großer Schritt für mich, größer noch als der, von der Türkei nach Braunschweig zu gehen.

Klar, Berlin ist nicht jedermanns Sache, es ist jeden Tag eine Herausforderung, hier zu leben. Du hast jeden Tag so viele Challenges und entweder bist du jemand, der das feiert und mag, oder du sagst, nee, das ist zu viel für mich. Am Ende des Tages habe ich festgestellt, dass Berlin genau die richtige Stadt für mich ist.

Hast du deine Frau hier kennengelernt, oder in Syrien?

Das ist auch eine Sache, die meine Haltung fürs Leben bestärkt: Im ersten Moment kann alles schlecht aussehen, aber es folgen viele Aspekte, die sich als gut herausstellen. Der Krieg war eine von diesen Situationen. Ohne Krieg hätte ich meine Frau nicht kennengelernt.

Ich komme aus dem Norden Syriens, aus Aleppo, sie kommt aus Damaskus im Süden. Kennengelernt haben wir uns in der Türkei in einem Englischkurs. Über etwa sechs, sieben Monate entwickelte sich eine Freundschaft, man bringt sich Wasser mit oder Kaffee, bis eine Liebesbeziehung daraus wurde. Dann mussten wir leider fast zwei Jahre eine Fernbeziehung führen, weil ich in Deutschland studierte, zusätzlich zwei Nebenjobs hatte und so nicht einfach in die Türkei fliegen konnte. Nach zwei Jahren schließlich habe ich ihr geholfen, ebenfalls ein Visum zu bekommen. Ein Sieg für mich, zwei Jahre ohne Freundin und dann hast du das geschafft, das war einfach krass!

Kanntest du jemanden in Deutschland, der dich unterstützen konnte, als du hierher wolltest?

Ein Freund von meinem Bruder hat die Kontaktdaten der Uni an meinen Bruder weitergegeben. Und ein guter Freund von mir war mir eine riesige Hilfe bei der Vorbereitung meiner Dokumente. Ohne dieses Wissen wäre das nicht zu schaffen gewesen.

Wann hast du angefangen, Deutsch zu lernen? Denn die Art und Weise, wie du dich artikulierst, ist zutiefst beeindruckend.

Zehn Tage, nachdem ich angekommen bin. Ich hatte den großen Vorteil, dass mir meine Deutschlehrerin das Leben erleichtert hat. Sie hat uns nicht nur die Sprache beigebracht, sondern Geschichten über die Kultur, die Feste und Feiertage erzählt. Für mich war es bspw. extrem ungewöhnlich, dass die Supermärkte am Sonntag geschlossen haben. Wer macht denn sowas, wer sagt Nein zu Geld? [Lacht]

Also meine Deutschlehrerin hat einen großen Beitrag geleistet. Und natürlich der eigene Wille, das zu schaffen. Ich habe es ja in der Türkei erlebt: In drei Monaten konnte ich die ersten zwei Levels in Türkisch abschließen. Für mich war klar, ohne Sprache brauchst du nicht anzufangen.

Du sitzt vor mir und strahlst, bist begeistert und voller Lebensfreude und Energie. Ich vermute, du hast viel zurückgelassen und Leid erlebt. Auf LinkedIn hast du von einer Zeit der persönlichen Transformation geschrieben. Was gibt dir in einer Zeit, in der sich so unglaublich viel existenzielles verändert, Richtung und Halt?

Schön ist, wenn du verstehst, dass Verbesserung mit Veränderung verbunden ist. Du kannst nichts in deinem Leben verbessern, ohne eine Veränderung zu durchlaufen. Entsprechend können extreme Veränderungen auch extreme Verbesserungen bewirken. Winston Churchill hat gesagt: To improve is to change. To be perfect is to change often.

Du kannst nichts in deinem Leben verbessern, ohne eine Veränderung zu durchlaufen.

Tarek Fansa im Juni 2023

Für mich war klar: Ich brauche nicht auf dem Sofa sitzen, Netflix gucken und erwarten, dass das Leben schöner wird. Ines, meine Sprachlehrerin, hat gesagt: Das Leben ist kein Ponyhof. Diese Statements, dieser Glaube hat dazu geführt, dass ich weiß, egal, was ich mache, ich mache es, um etwas zu erreichenVielleicht geht es mir heute nicht so gut, aber dafür geht es mir übermorgen sehr gut. Genau das hat mir Richtung und Halt gegeben.

Im Übrigen kann sich die Richtung im Leben ändern, sie ist nicht fix wie der Nordstern. Ich wollte ja Schönheitschirurg werden. Dann wurde es Maschinenbau. Und jetzt interessiert mich das Thema Unternehmertum, Engagement, soziales Leben, Politik und so weiter.

Gibt es in deinem Leben etwas, das dich trotz aller Veränderung begleitet und geleitet hat? Eine Haltung, ein Glaubenssatz oder ein höheres Ziel.

Man sagt ja, der Weg sei das Ziel. Ich finde, das Ziel ist overrated. Wenn du jeden Tag das genießt, was du tust, dann hast du im Grunde genommen erfüllt, was du brauchst. Wir müssen bzw. können nicht immer glücklich sein, sondern wir brauchen einen Grund, einen Antrieb, die Liebe, jeden Tag aufzustehen und das, was wir tun, richtig gut zu machen. Ich will jeden Tag die Herrlichkeit des Lebens manifestieren, wenn man das so sagen kann. Ich will nichts durchschnittliches, denn das Leben ist voll mit durchschnittlichem, ich will eher ein bisschen mehr.

Du hast gerade den Begriff glücklich genannt. Wie stehst du zu dem Begriff des Glücklichseins?

Glück steht nicht allein. Wenn du glücklich bist, dann warst du vorher offenbar unglücklich. Und nachdem du glücklich warst, wirst du auch wieder einmal nicht glücklich sein. Es ist wie ein Kreislauf und das feiere ich. Ich feiere nicht nur die Sonne, sondern ich feiere den Wechsel. Es juckt mich nicht, wenn ich mal einen Tag nicht so glücklich bin, weil ich weiß, ich muss jetzt einstecken, damit ich danach einen Schritt weiter gehen kann. Und das macht mich dann wieder glücklich. Ich habe keine Haltung zu diesem Begriff, ich habe die Haltung, immer wieder Neues zu probieren und nicht aufzugeben. Das macht mich glücklich.

Wenn du glücklich bist, dann warst du vorher offenbar unglücklich. Es ist wie ein Kreislauf und das feiere ich.

Tarek Fansa im Juni 2023

Wie würdest du Haltung grundsätzlich definieren?

Sehr gute Frage! Ich musste mir nach deiner Gesprächsanfrage erst einmal durch den Kopf gehen lassen, was das überhaupt bedeutet. Als jemand, der Deutsch nicht so lange kennt, habe ich das zunächst sprachlich analysiert. Haltung ist demnach, wie ich zu den Dingen stehe, was ich von ihnen halte. Also was ist beispielsweise meine Haltung zum Klimaschutz? Haltung beschreibt aber auch, wie ich mich in gewissen Kontexten verhalte. Es ist also die Kombination aus Einstellung und Verhalten. Wenn das übereinstimmt, entsteht Haltung.

Wenn die Kombination aus Einstellung und Verhalten übereinstimmt, entsteht Haltung.Tarek Fansa im Juni 2023

Du kommst aus einer ganz anderen Kultur, als die, die du jetzt kennengelernt hast. Eine, die sich vermutlich deutlich von der deutschen Kultur unterscheidet. Was hast du aus deiner alten Kultur und aus deiner Heimat mitgenommen, was du heute noch im Herzen trägst und was für dich eine große Bedeutung hat?

Mir ist sehr wichtig, menschliche Wärme und Nähe zu erzeugen. Ich verstehe, dass viele Menschen hier distanziert sind. Das war ein kleiner Kulturschock für mich. Ich versuche dann in einer automatischen Reaktion, mich noch mehr zu öffnen und mir noch mehr Mühe zu geben, eine Beziehung aufzubauen. Ich habe dann aber eine Situation erlebt, in der das kontraproduktiv war, wo die Person die Distanz brauchte. Ich habe also gelernt, das zu respektieren.

Dieses temperamentvolle habe ich definitiv aus meiner Kultur mitgenommen. Kalt und abweisend sein kann man immer, aber es braucht manchmal diesen emotionalen Impuls, um wach zu sein, mit Menschen zu reden und eben nicht zu sagen, ist mir egal, ich distanziere mich.

Außerdem habe ich meine Vorliebe zum Essen mitgenommen. Ich bin jemand, der die kulinarischen Spezialitäten jedes Landes feiert, und die der syrischen Küche sind natürlich weltbekannt.

Eine dritte, sehr wichtige Sache ist die Rolle der Familie. Ich habe hier erlebt, dass die Familie als Kern einer Gesellschaft in der deutschen Kultur nicht mehr so gepusht und unterstützt wird. Davon will ich mich auf keinen Fall beeinflussen lassen, weil ich davon überzeugt bin, dass eine gesunde Familie der Kern einer gesunden Gesellschaft ist.

Ich bin davon überzeugt, dass eine gesunde Familie der Kern einer gesunden Gesellschaft ist.

Tarek Fansa im Juni 2023

Weil sie im Prinzip die kleinste soziale Zelle ist, das kleinste System in großen Systemen wie etwa einem Dorf, einer Stadt, einem Land oder einer Gesellschaft. Und wenn es im Kleinen nicht funktioniert, fragt man sich natürlich, wie die Personen dieser familiären Zelle zurechtkommen, wenn sie in das größere System wechseln?

Ganz genau, noch ein Gedanke dazu: Kennst du Dr. Jordan Peterson? Er ist eine magische Person, die mich inspiriert und Licht ins Dunkle bringt; die mir hilft, Balance zwischen Chaos und Ordnung im Leben zu finden. Er sagt: Wenn du deine Familie nicht in Einklang bekommst, dann kannst du mir nicht erzählen, wie du die Welt verbessern willst. Ich lebe das jeden Tag. Wenn zu Hause ein Konflikt zwischen mir und meiner Frau entsteht, dann versuche ich ihn mit vollem Einsatz und meinen ganzen Gedanken zu lösen. Denn wenn ich das nicht schaffe, wie soll ich dann bspw. mal mein eigenes Unternehmen gründen?

Du hast geschrieben, dass du eine neue Heimat gefunden hast. Hast du hier auch etwas gefunden, was du genauso ins Herz schließt, wie Aspekte aus der syrischen Kultur?

Ich kann das zwar für Syrien nicht so gut beurteilen, weil ich jung war, aber die Arbeitskultur hier finde ich einfach klasse. Ich glaube es gibt nicht so viele Länder, die so eine krasse Balance schaffen zwischen der Anforderung an die Arbeit und meinem Wohl als Arbeitnehmer sowie meiner Gesundheit. Ich habe hier 30 Tage Urlaub und wenn es mir schlecht geht, dann kann ich einfach sagen, tut mir leid, ich komme heute nicht, das ist ja schon übertrieben nett. Und wenn jemand das nicht feiert, dann ist er doch selbst schuld.

Ich glaube es gibt nicht so viele Länder, die so eine krasse Balance schaffen zwischen der Anforderung an die Arbeit und meinem Wohl als Arbeitnehmer sowie meiner Gesundheit.

Tarek Fansa im Juni 2023

Überhaupt habe ich mich extrem weiterentwickelt im Bereich Karriere, Beruf und bzgl. der Frage, was ich machen will. Am Ende des Tages gibt es schon sehr viele Punkte, die mich hier bereichert haben, und ohne das alles würdest du heute nicht mit mir sprechen.

Hattest du vorher ein Bild von Deutschland im Kopf?

Wie, wenn man von den USA Bilder im Kopf hat, aus Filmen zum Beispiel. Also nein, kein richtiges Bild. Ich hätte mir niemals vorstellen können, wie schnell hier die Mitarbeiterin an der Kasse ist. Das hat mich extrem gefordert. [Lacht] Ich habe nicht mal das Portemonnaie rausgeholt, da war sie schon fertig und die anderen haben mich blöd angeguckt.

Noch etwas habe ich hier gelernt: dieser professionelle Umgang miteinander. Wir beide zum Beispiel kennen uns noch nicht, sind keine Freunde, aber trotzdem habe ich ein sehr, sehr gutes Gefühl, und wie ich mich mit dir verhalte, das habe ich hier in den letzten zwei Jahren gelernt, in dieser kurzen Zeit. Darauf bin ich sehr stolz.

Wie würde man denn in Syrien damit umgehen, wenn ein Wildfremder sagt, können wir uns zu dem Thema XY unterhalten?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das dort funktioniert, ich bin aber sehr froh, wie es hier funktioniert.

Wenn man Krieg vor der eigenen Haustür erlebt, wie kann man negative Erlebnisse dieser Tragweite würdigen, ohne daran zu zerbrechen?

Eine sehr gute Frage. Erst einmal zufrieden sein mit dem absoluten Minimum. Und das ist, dass du lebst. Erwartungen herabsetzen und Rituale pflegen, mithilfe derer man sich über banale Dinge freut. Ich habe mich in meiner Abi-Zeit in so einem Zentrum angemeldet, wo sich Schüler aus der ganzen Stadt versammelt haben, um sich über Klausurfragen auszutauschen. Nach einem Treffen war ich froh, dass ich heil nach Hause kam. Denn es war immer so, dass du beim Laufen die Bomben hörtest und dann freust du dich wirklich, dass du es überlebt hast. Mit jedem Schritt war mir klar, ich kann vielleicht den nächsten Schritt nicht machen, wenn mich irgendetwas trifft. Und damit musst du Frieden finden, ansonsten wirst du verrückt. Es gab also zwei Möglichkeiten für mich: Entweder werde ich depressiv und finde alles noch schrecklicher, als es schon ist. Oder ich lebe damit und mache das Beste draus.

Bis heute habe ich sogar noch gute Erinnerungen, zum Beispiel an die Abende, an denen wir keinen Strom hatten und dann einfach viele Kerzen angemacht haben. Ich hatte so ein iPad, auf dem haben wir Musik gehört und diesen Moment zusammen genossen. Es war so einfach, einfach nur Kerzen und wir haben uns gefreut.

Natürlich kann das nicht jeder. Ich kenne sehr viele Leute, die der Krieg mental kaputt gemacht hat. Und ich stelle mich nicht hin, und sage, macht es genauso, wie ich. Ich habe das einfach maximal ausgenutzt, wie Albert Einstein sagt: Es gibt viele Wege, um glücklich zu sein. Einer davon ist, aufhören zu jammern.

Das ist gerade sehr beeindruckend. Denn erst gestern habe ich gelesen, dass unser Gehirn viel Energie darauf verwendet, negative Dinge zu verarbeiten, weshalb wir uns mitunter sehr intensiv an negative Erlebnisse erinnern. Du hast gerade vom Gegenteil berichtet und gesagt, in all diesem Schrecken, der da stattgefunden hat, erinnere ich mich an schöne Momente.

Und genau da liegt die Kraft.

Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zynisch, aber bist du mitunter sogar ein Stück weit gestärkt aus dieser Situation hervorgegangen?

Auf jeden Fall gestärkt. Und nicht nur das, auch das Leben hier, wo du auf einmal alles selbst machen musst.  Du musst kochen, Wäsche waschen, schauen, dass deine Wohnung aufgeräumt ist, dass deine Klamotten sauber sind, dass du lernst, Sport machst – und all das schlagartig. Das ist cool!

Als ich dich vorhin nach einer Definition von Haltung gefragt habe, hast du erwähnt, dass du dich erst einmal auf der sprachlichen Ebene mit dem Begriff beschäftigt hast. Das passt ganz gut, denn ich habe auf der Zugfahrt hierher ein paar Begriffe notiert, in denen das Wort Haltung auftaucht. Meine Bitte: Sage mir einfach, was dir dazu durch den Kopf schießt. Der erste Begriff, den ich aufgeschrieben habe, war: Anhalten.

Anhalten ist, etwas zu beenden, das in Bewegung ist.

Kannst du dich selbst anhalten? Ich empfinde dich als unglaublich dynamischen, beweglichen Menschen.

Wenn ich das nicht kann, dann fehlt mir ein sehr wichtiger Skill, nämlich Ruhe zu bewahren. Das kann ich sehr gut. Ich glaube sogar, das ist eine meiner wichtigsten Eigenschaften, Ruhe bewahren.

Du hast vorhin Rituale beschrieben. Gibt es für so etwas auch ein Ritual, und sei es nur in Gedanken?

Ja, klar. Wenn mich jemand ärgern will, dann denke ich: Boah, das war ein guter Versuch. Oder wenn mich jemand nervt, dann denke ich mir leicht ironisch: Heh, ich habe das Nerven erfunden, du kannst mich niemals nerven.

Mit einem großen Selbstbewusstsein lasse ich mich niemals nerven. Das ist manchmal für meine Frau irritierend zu sehen, wenn ich immer entspannt bin. Für mich aber ist klar: In der Ruhe liegt die Kraft.

Gleichzeitig kommst du aus einer Kultur, die sehr emotional ist. Ich habe da etwas sehr Bewegtes rausgehört.

Klar, ich nehme das Beste aus der alten Welt und ich bringe es als Bereicherung für mich und für die Gesellschaft mit in die neue. Auf der anderen Seite gibt es hier auch sehr viele Sachen, die mich bereichern, zum Beispiel die Ruhe, also nicht impulsartig zu reagieren; generell nicht immer reagieren, sondern agieren. Also gleichzeitig Ruhe bewahren und den anderen zeigen, dass du dich auf sie freust. [Lächelt]

Ich nehme das Beste aus der alten Welt und ich bringe es als Bereicherung für mich und für die Gesellschaft mit in die neue.

Tarek Fansa im Juni 2023

Das ist tatsächlich etwas, was ich an der deutschen Gesellschaft manches Mal vermisse: das Gefühl, dass andere sich auf dich freuen. Wir sind Ingenieure, wir konstruieren, wir machen und tun, sind pünktlich und vergessen manchmal das emotionale und unvoreingenommene Sich-auf-etwas-freuen.

Aber das ist ja nicht schlecht, es ist eben einfach so. Ich feiere jeden genauso, wie er ist. Stell dir mal vor, alle wären gleich, das wäre langweilig.

Ein zweiter Begriff: Aushalten.

Ich kann vieles aushalten, lasse mich nicht unterkriegen, stehe wieder auf. Aber ich halte nicht unbegrenzt aus. Manchmal ist es gut, in den Konflikt zu gehen, anstatt sich rauszuhalten und darauf zu hoffen, dass schon alles gut werden wird. Auch das habe ich gelernt: Je älter man wird, desto weniger Zeit hat man und entsprechend bereiter ist man, in den Konflikt zu gehen und ihn zu lösen. Im Englischen sagt man: A gentleman will walk, but never run. Ich versuche, durchs Laufen sehr viel auszuhalten, würde aber niemals wegrennen.

Einen noch: Erhalten.

Werte sollen erhalten bleiben, denn wenn wir unsere Herkunft nicht aufrechterhalten, dann wissen wir auch nicht, wohin wir gehen sollen. Ich bin nicht Tarek von morgen, wenn ich nicht Tarek von heute und Tarek von gestern bin. Es bedeutet für mich also ganz klar, Gutes zu bewahren und zu schützen.

Dazu eine lustige Geschichte: Als ich Deutsch gelernt habe, fand ich es wunderbar, dass die Bedeutung der ersten zwei, drei Buchstaben eines Verbs eine sehr unterschiedliche sein kann. Das ist fast erotisch, wenn man die Sprache mag. Zum Beispiel das Verb umfahren. [Lachen] Ich glaube, das macht die deutsche Sprache sehr besonders.

Du sagtest vorhin etwas sehr Schönes: Du kannst nicht der Tarek der Zukunft sein, wenn du nicht der Tarek von heute oder von gestern bist. Inwiefern würdest du sagen, unterscheidet sich der Tarek heute hier in Deutschland von dem damals in Syrien?

Wenn du jeden Punkt meiner Persönlichkeit und jeden Aspekt meines Lebens betrachtest, ist der gemeinsame Nenner Wachstum und Beschleunigung. Ich bin durch meine Geschichte reifer geworden. Ich schätze auf einmal Beziehungen unglaublich viel mehr.  Beziehungen sind bspw. für mich wichtiger als Geld. Ich bin einfach gewachsen. Meine Freunde aus Syrien würden heute nicht sagen, du bist aber anders geworden. Ich bin genau derselbe Mensch, nur unter Steroiden.

[Lachen]

Ich würde dir nun gerne einen Satz sagen, den du zu Ende führen kannst.

O.K. gerne.

Los geht’s: Immer, wenn ich aufbreche …

… dann denke ich an zwei Sachen: Wie kann ich das am effizientesten machen? Und wie kann ich dabei am glücklichsten sein?

Der zweite Satz: Wenn ich mal ins Straucheln gerate, dann …

… suche ich Hilfe auf. Ich bin nicht jemand, der sagt, ich schaffe es allein, ich brauche niemand, sondern es ist ein Zeichen der Stärke, wenn du um Hilfe bittest, weil das ein Signal ist, dass du nicht aufgeben möchtest.

Danke für diesen Impuls. Ich denke oft, wir sind in Deutschland sehr problemfokussiert und besser darin, Probleme zu lösen, als etwas komplett Neues zu erfinden. Dazu gehört leider auch eine nicht besonders gut ausgeprägte Fehlerkultur. Um Hilfe bitten interpretieren viele Menschen als ein Eingeständnis von Schwäche. Das Signal auszusenden, ich gebe nicht auf, ist eine ganz andere Interpretation von Hilfesuchen, die wir in unserer Gesellschaft nicht gewohnt sind.

Das ist für mich eine wichtige Einstellung: Meine Aufgabe im Leben ist nicht, um jeden Preis zu siegen, sondern das Wichtigste ist, dass ich nicht aufgebe. Für mich ist es kein Verlust, wenn meine Bewerbung bspw. abgelehnt wurde. Sondern dieses Nein bringt mich ein Stück näher zum nächsten Ja. Das habe ich auch im Vertrieb gelernt: Nein sind die Verbindungsstücke zum Ja.

[Pause]

Nein sind die Verbindungsstücke zum Ja.Tarek Fansa im Juni 2023

Der letzte Satz: Veränderung ist wie …

… der Weg zur Verbesserung. Und es gibt keinen Grund, Distanz zur Veränderung zu suchen. Ich mag Veränderungen. [Pause] Natürlich in einem gesunden Maß. [Lacht] Ich finde es zum Beispiel nicht so toll, dass ich mir eine neue Wohnung suchen muss, weil mein Mietvertrag befristet war. Und finde mal eine Wohnung in Berlin, das ist schwieriger, als die Frage der Integration. Aber ich habe es geschafft.

Unser Gespräch dauerte noch eine Moment länger und Tarek stelle auch mir Fragen: Wohin ich ginge, würde ich von heute auf morgen meine Koffer packen müssen. Oder was als nächstes auf meiner Bucket List stünde.

Was er neben dem Erlernen einer neuen Sprache, der Integration in eine fremde Kultur und der Suche einer eigenen Wohnung außerdem geschafft hat: Tarek Fansa hat mir gezeigt, was eine positive Haltung vor allem in dunklen Moment bewirken kann. Wie sagt ein Sprichwort: Bei gutem Wetter segeln kann jeder. Zutiefst beeindruckt habe ich Berlin verlassen, die Zeit war zu kurz, aber sie hat gereicht, um zu erleben, dass uns Haltung in vielen Lebensbereichen trägt.

Ich bin Tarek zutiefst dankbar für diese eineinhalb Stunden.
Und ich bin stolz darauf, dass er als gebürtiger Syrer nun offiziell Bürger unseres Landes ist. Er wird es bereichern, so viel steht fest.